Wirkt sich eine Einschränkung des Hörvermögens im Alter negativ auf die Hirnleistung aus? – Die Urheber einer aktuellen Langzeitstudie aus den USA kommen zu genau diesem Schluss. Es habe sich gezeigt, dass sowohl Gedächtnis- als auch Denkleistung umso schneller nachlassen, je stärker der Hörverlust auftritt.
Hörverlust und soziale Isolation
Wissenschaftler um den Mediziner Frank Lin von der Johns Hopkins University in Baltimore haben für ihren Versuch die Testdaten von knapp 2000 Personen ausgewertet. Die Merkmale wurden über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren aufgezeichnet.
Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig und alarmierend zugleich: Demnach liegt das Risiko für eine nachlassende Hirnleistung bei älteren Menschen mit Hörverlust um 24 Prozent höher als bei Normalhörenden. Zwar würden die kognitiven Fähigkeiten mit zunehmendem Alter tendenziell ohnehin nachlassen. Der Studie zufolge sei dies jedoch bei Personen mit Hörverlust bereits 3,2 Jahre früher der Fall, als bei besser Hörenden gleichen Alters.
Als mögliche Erklärung für ihre Resultate führen die Urheber der Studie einen direkten Zusammenhang von Hörverlust und sozialer Isolation an. Es sei bekannt, dass Einsamkeit die Hirnleistung im Alter negativ beeinflusst.
Auch andere Risikofaktoren wie hoher Blutdruck, Schlaganfall und Diabetes seien bei der statistischen Auswertung der Studienergebnisse berücksichtigt worden.
Häufiger traurig und antriebslos
Die aktuelle Studie ist nicht die erste Untersuchung, die in jüngerer Zeit über den Einfluss von Hörminderung auf das seelische Wohlbefinden Betroffener und die Auswirkungen auf deren Sozialleben berichtet. Unter dem Titel „Hören ist Leben“ veröffentlichte die gemeinnützige Stiftung Hear The World vor etwas mehr als einem Jahr ganz ähnliche Resultate.
Demnach waren Menschen mit Hörverlust, die bis dato kein Hörgerät trugen, im Vergleich zu Hörgerätebesitzern gleich mehrfach im Nachteil: Sie fühlten sich häufiger traurig oder deprimiert und verloren das Interesse an Dingen und Unternehmungen, die zuvor wichtig für sie waren. Im Ergebnis neigten die betreffenden Personen dazu, sich sozial zu isolieren.
Steigern Hörgeräte auch die Hirnleistung?
Auch die Urheber der US-amerikanischen Studie wollen nun in einem weiteren Versuch klären, in welchem Ausmaß der frühzeitige Einsatz von Hörgeräten nicht nur das Sprachverstehen an sich, sondern auch die Hirnleistung und kognitiven Fähigkeiten im Alter verbessern kann.
Die gesellschaftliche Relevanz dessen liegt auf der Hand: Zwei von drei Amerikanern über 70 Jahren, leiden unter Hörproblemen. Doch nur rund 15 Prozent von ihnen nutzen bereits digitale Hörgeräte.
In Deutschland sind insgesamt etwa 14 Millionen Menschen von Hörverlust betroffen, rund 20 Prozent davon sind Hörgeräteträger. Das Durchschnittsalter von Personen, die erstmalig Hörgeräte verwenden, nimmt allerdings kontinuierlich ab. Betroffene informieren sich heute immer früher – und vor allem über das Internet – zu den Themen Hörverlust und moderne Markenhörgeräte.
Die Geräte an sich werden immer kleiner und leistungsfähiger. Auch lassen sie sich drahtlos über Funk und Bluetooth mit dem Fernseher, dem MP3-Player oder einem Laptop verbinden. Selbst Telefongespräche über Handy und Festnetztelefon sind mit den meisten Markenhörgeräten ganz ohne Kabelverbindung möglich.
Hörverlust nicht unterschätzen
Die bisher veröffentlichen Studienergebnisse machen eines ganz deutlich: Hörverlust sollte unter keinen Umständen als natürlicher Begleitumstand des Älterwerdens unterschätzt und verharmlost werden.
Das Thema Hörverlust ist Gegenstand zahlreicher aktueller Untersuchungen. Betroffene Personen können sich heutzutage auf vielfachem Wege informieren und beraten lassen.

